Meine Sicht auf Chemnitz - ich war dabei!

07.09.2018

Persönlicher Bericht von Monika Lazar über die Vorkommnisse in Chemnitz

Weil manche Männer, wie Bundesverfassungsschutzpräsident Maaßen, Bundesinnenminister Seehofer, sächsischer Ministerpräsident Kretschmer, sächsischer Innenminister Wöller, meinen, am 26. und 27.8. in Chemnitz, das war doch nicht so schlimm, schreibe ich mal auf, was ich erlebt habe:

 
In der Nacht von Sonntag (26.8.)auf Montag (27.8.) bekam ich mit, dass es eine Mobilisierung von Leipzig nach Chemnitz für Montagnachmittag gibt. Ich entschloss mich, mit nach Chemnitz zu fahren.

Das Bündnis "Leipzig nimmt Platz" (https://platznehmen.de/), das auch über zwei Jahre die Protestaktionen gegen Legida maßgeblich organisiert hat, rief auf, gemeinsam mit dem Zug nach Chemnitz zu fahren. Ich fuhr mit der Gruppe mit, es waren viele, vor allem, aber nicht ausschließlich junge Leute. Der Zug war voll, die Stimmung entspannt.

Als wir am Hbf Chemnitz 17.30 Uhr eintrafen, begleitete uns die Polizei bis zu unserem Kundgebungsort in der Innenstadt, nicht allzuweit entfernt, ca. 15 min Fußmarsch. Unsere Gruppe war ungefähr 300 Leute groß.

Als wir im kleinen Stadthallenpark, unserem Versammlungsort, ca. 18 Uhr eintrafen, empfingen uns die bisher Anwesenden mit großem Hallo. Es waren auch noch Leute aus Dresden gekommen und Menschen aus Chemnitz ebenso, von jung bis älter, auch einige MigrantInnen.

Es gab eine kurze Ansprache, ansonsten verteilten wir uns im Gelände mit Sicht auf die gegenüberliegende Straßenseite mit dem "Nischel", also dem Karl-Marx-Monument.

Dort sammelten sich die Leute, die dem Aufruf des rechten Bündnisses "Pro Chemnitz" gefolgt waren. Da es schon am Sonntag eine starke Mobilisierung aus dem Hooliganspektrum gab (u.a. Kaotic vom örtlichen CFC) war klar, dass auch heute dieses Spektrum vertreten sein wird. Das bestätigte sich, vor allem kamen heftige Hooligans aus verschiedenen Regionen der Republik.

Beide Kundgebungen standen sich gegenüber, dazwischen nur eine vierspurige Straße des Innenstadtrings, wo sich die Journalisten aufhielten. Am Anfang konnte man gut beobachten, wie diese Kundgebung immer größer wurde. In der Presse war später zu lesen, wir waren ca. 1500, die ca. 6000.

Nun zur Polizei: Aus meinen bisherigen Demoerfahrungen hatte ich mit starker Polizeipräsenz gerechnet, ergänzt durch berittene Einheiten und Hundestaffel. Aber weder das was zu sehen, es gab auch keine Trennung bzw. Sicherung der beiden Seiten mit Gittern oder Polizeiwagen.

Es waren auch viel zu wenig Polizisten zu sehen, später wurde die Zahl von ca. 600 genannt.

Ich dachte mir, was hat denn die Polizei heute für ein Einsatzkonzept und befürchtete, dass die wenigen Polizisten es gar nicht schaffen können.

Beide Seiten standen sich ca. 2 Stunden gegenüber, die Stimmung bei uns war gut, drüben wurde es immer voller und aggressiver. Selbst Hitlergrüße konnte nicht sofort verfolgt werden, weil zu wenige Polizisten da waren. Es gab nicht mal eine durchgehende Linie von Polizisten zum Schutz. Ich dachte mir, wenn eine kleine Gruppe jetzt einfach losstürmt, werden zuerst die Polizisten überrannt, dann die Journalisten und in wenigen Schritten sind wir dran, kein sehr schönes Gefühl.

Kurz vor 20 Uhr kam auf einmal Bewegung in die Gruppe uns gegenüber, man nahm Aufstellung zur Demo um den Innenstadtring. Innerhalb weniger Sekunden flogen volle Glasflaschen und Böller in unsere Gruppe. Wir bekamen einen Schreck, zum Glück entstand bei uns keine Panik und wir zogen uns etwas zurück, so dass man uns nicht mehr bewerfen konnte. Wir hatten großes Glück, denn diese Situation hätte ganz anders ausgehen können.

Nun dachte ich, nach diesen gewalttätigen Vorkommnissen wird die Polizei die Demo untersagen, weil die Sicherheit nicht mehr gewährleistet ist, aber weit gefehlt. Es wurde die komplette Demostrecke abgelaufen. Das konnten wir nun nicht mehr sehen, da wir uns wieder weiter hinten standen. Die TeilnehmerInnen unserer Kundgebung konnten beruhigt werden.

Mittlerweile war es ca. 20.30 Uhr und es wurde dunkel. Ich dachte, wie kommen wir denn nun wieder von hier weg. Bei uns gab es keinerlei Polizei, es sicherten wohl die meisten die rechte Demo ab. Was man später mitbekommen hat, war das ja schon riskant genug und die Polizisten viel zu wenig bei den Aggressionen. Uns wurde zugesichert, dass unsere Abreise vom Versammlungsort mit Polizei begleitet wird. Aber nichts geschah. Die Einheimischen machten sich auf gut Glück auf den Heimweg. Die Leute aus Leipzig und Dresden, die zum Zug mussten, mussten aber den Weg zum Hbf bewältigen. Wir bekamen mit, dass die Demo zu Ende und kurz danach, dass die rechte Kundgebung beendet wurde. Da dachte ich wieder, nun wird die Polizei doch für eine Trennung beider Seiten sorgen. Aber auch das klappte nicht. Wir Zugreisenden machten uns schließlich ohne Polizeibegleitung auf den Weg. Wir sahen, wie immer mehr rechte Kleingruppen, auch von Hooligans, sich im Dunkeln verteilten. Wir hatten nun mittlerweile echt Angst, dass wir von denen nicht als "leichtes Ziel" gefunden werden. Irgendwann bekamen wir einige Polizisten an die Seite, die uns begleiteten. Aber auf dem kurzen Weg zum Hbf mussten wir mehrfach anhalten, weil uns rechte Kleingruppen angreifen wollten. Die Polizei hatte die Lage wieder nicht im Griff.

Zum Glück erreichten wir dann den Hbf und der Zug, der eigentlich schon hätte losfahren sollen, wartete auf uns. Wir freuten uns, in den Zug einsteigen zu können und konnten uns erstmal entspannen als er los fuhr. Als ich spät abends endlich Zuhause war, war ich so froh, dass wir das alles wohlbehalten überstanden hatten. Der Schreck saß tief und auch am nächsten Tag war ich mental noch recht angegriffen.

Mein Eindruck an dem Abend war, dass unsere Sicherheit mehrmals nicht gewährleistet war und vom Gewaltmonopol des Staates konnte man an diesem Abend auch nicht immer ausgehen. Es hätte nicht viel gefehlt, und auch am Montag wären mehr Menschen durch Chemnitz gejagt worden oder es hätte noch viel mehr Verletzte gegeben. Die wenigen eingesetzten Polizisten waren weitgehend überlastet. Der Innenminister hat später zugegeben, dass man nicht mit so vielen Teilnehmern auf beiden Seiten gerechnet hat. Eine komplette Fehleinschätzung! Selbst der sächsische Verfassungsschutz hat vorher gewarnt, von wo überall her gewaltbereite Gruppen anreisen werden. Man hat im Innenministerium wohl immer noch nicht mitbekommen, wie schnell heutzutage über das Netz mobilisiert werden kann. Der sächsische Innenminister hat sich nur aus dem Lagezentrum der Polizei Chemnitz ein Bild gemacht und war wohl nicht mal am Ort des Geschehens.

Auch für die anwesenden Journalisten war es hart an dem Abend, denn sie waren oft ungeschützt mitten und wörtlich in der Schusslinie.

Der sächsische Ministerpräsident, die Staatsregierung und auch die sächsische CDU müssen sich nun wirklich überlegen, wie sie nach diesen Vorfällen weiter agieren wollen. Ich hoffe, sie treffen mal richtige Entscheidungen und erkennen endlich, wo die Probleme liegen und wen es zu unterstützen gilt. Leider lassen die Äußerungen, u.a. vom Ministerpräsident Kretschmer ahnen, dass all den Menschen, die am 26. Und 27.8. in Chemnitz schlimmes erlebt haben, nicht geglaubt wird, obwohl es genügend Beweise von DemonstrantInnen und JournalistInnen gibt.