Wie die Leipziger Direktkandidaten im Internet Wahlkampf machen

Pressebericht, Leipziger Volkszeitung, 13.09.2017

Bundestagswahl 2017: Durch soziale Netzwerke kommen die Kandidaten direkt zum Wähler aufs Smartphone. Auch Leipziger Politiker nutzen das. LVZ.de hat mit ihnen über Wahlkampf im Internet gesprochen.

Leipzig.  Digitaler Wahlkampf wird immer wichtiger: 30 Millionen Deutsche sind bei Facebook angemeldet, die Nutzerzahlen von Instagram wachsen stetig. Viele Politiker hoffen, in den sozialen Medien diejenigen abholen zu können, die sie mit Plakaten oder Diskussionsrunden nicht mehr erreichen. „Viele junge Leute finden Plakate old-fashioned“, sagt der FDP-Direktkandidat Friedrich Vosberg. „Die informieren wir über Facebook.“

Wahlkampf in den sozialen Medien kostet viel Zeit


Thomas Feist bei Podiumsdiskussionen, im Interview mit einer Schülerzeitung, zu Gast beim Volksfest Holzhausen: Der CDU-Bundestagsabgeordnete aus Leipzig informiert auf Facebook mehr als 8000 Fans über seinen Alltag im Wahlkampf. Er diskutiert in den Kommentaren mit den Menschen und macht auch auf Twitter seine politischen Standpunkte deutlich. „Ich bediene die beiden Medien schon eine Weile, weil man da Leute erreicht, die man durch andere Möglichkeiten des Wahlkampfs nicht erreicht“, sagt Feist. „Die sozialen Medien sind ein gutes Schaufenster der eigenen Inhalte.“ Er ist nicht der einzige Leipziger Politiker, die online Wahlkampf macht. Sucht man die Direktkandidaten der großen Parteien in den sozialen Netzwerken, wird man bei fast allen fündig.

Doch Wahlkampf im Internet ist auch zeitaufwendig. Der grüne Direktkandidat Volker Holzendorf bespielt eine Facebook-Seite. Er sagt: „Ich bin völliger Laie und habe keine Zeit, mich auch noch mit anderen Accounts zu beschäftigen.“ Doch er sieht auch den Vorteil: In den sozialen Medien könne man seine Botschaften unkompliziert versenden. „Man muss dahin gehen, wo die Leute sind“, sagt auch Grünen-Bundestagsabgeordnete Monika Lazar. „Im Netz können wir die Menschen schnell, zielgerichtet und themenspezifisch ansprechen.“


Wahlwerbung auf Facebook steht auch in der Kritik


Die Alternative für Deutschland ist bundesweit diejenige Partei, die die meisten Anhänger in den sozialen Netzwerken hat. Doch das heißt nicht, dass alle AfDler persönlich Online-Wahlkampf machen. Christoph Neumann, Leipziger Direktkandidat für die AfD, ist in den sozialen Medien gar nicht mit einer eigenen Seite vertreten. Stattdessen füttert ein Mitarbeiter die Facebook-Seite der AfD Leipzig auch mit Positionen von Neumann. „Ich bin an langlebigen Informationen interessiert und möchte nicht zu allem kurzfristig meinen Senf dazu geben“, ist Neumanns Einstellung. Eine Woche vor der Wahl wolle die AfD Leipzig dann gezielt Werbeanzeigen schalten. Dazu, wie viel Geld der Kreisverband in den Online-Wahlkampf steckt, macht die Partei keine Angaben. „Es ist aber ausgewogen im Vergleich zum klassischen Wahlkampf“, sagt Neumann.

In den sozialen Netzwerken können Politiker nicht nur persönliche Posts ausspielen. Auch Werbung, zum Beispiel auf Facebook, wird für den Wahlkampf wichtiger. Das führte auch im Rahmen der Bundestagswahl immer wieder zu Diskussionen. Unter anderem die Heinrich-Böll-Stiftung wies im Februar 2017 auf das sogenannte Microtargeting hin. Das bedeutet, dass Werbeanzeigen passgenau auf den Nutzer zugeschnitten werden können, abhängig von Variablen wie Alter, Interessen, Wohnort, Familienstand oder Beruf. Das Web-Magazin „Politik 4.0“ der Politikwissenschaftlerin Adrienne Fichter ruft dazu auf, Facebook-Werbung von Parteien publik zu machen, um sie aus dem privaten Facebook-Stream an die Öffentlichkeit zu holen.


Auch die Leipziger Politiker nutzen Wahlwerbung

Das Thema Werbung im Internet ist auch bei den Leipziger Kandidaten durchaus Thema. Vor ein paar Wochen habe der Kreisverband der FDP versuchsweise eine Werbeanzeige geschaltet, erzählt Friedrich Vosberg: „Das hat uns immerhin 17 Fans gebracht.“ Ideen habe man viele, Zeit und Budget seien eine andere Frage. Monika Lazar und der Leipziger Kreisverband der Grünen schalten regelmäßig Werbeanzeigen auf Facebook. „Wir sehen zwar den Umgang mit den Daten durchaus kritisch. Aber wir erreichen damit auch Menschen, die noch nicht Fan von uns auf Facebook sind, um sie so zum Beispiel auf Veranstaltungen aufmerksam zu machen“, erklärt Lazar. Der grüne Kreisverband investiere etwa vier Prozent des Gesamtbudgets in den Online-Wahlkampf. Auch die Leipziger SPD nutzt Werbeanzeigen auf Facebook. „Das ist eine gute Möglichkeit, um die Menschen passgenau zu erreichen“, sagt Bundestagsabgeordnete und Direktkandidatin Daniela Kolbe. Sie nutzt Instagram, Facebook und Twitter intensiv und wird dabei von ihrem Team unterstützt. Wichtig findet Kolbe soziale Medien auch, um ins Gespräch zu kommen. Es kämen online viele Bürgerfragen, immer wieder entstünden Debatten.

Auch Franziska Riekewald, Direktkandidatin für die Linke, schreibt auf Twitter und Facebook über ihre politischen Ansichten und Wahlkampfaktionen. „Ich finde das wichtig, weil man über die sozialen Medien auch abseits der Mainstream-Medien eine Plattform hat. Zudem kann man sich auf Facebook und Twitter direkt mit den Menschen austauschen“, sagt Riekewald. Werbeanzeigen schalte sie persönlich nicht. „Die Linke Leipzig nutzt das aber zum Beispiel, wenn wir Werbung für eine besonders wichtige Veranstaltung machen wollen.“ Das Budget für ihren Online-Wahlkampf beschreibt die Linke als „sehr gering“. „Ich mache das alles selber und beschäftige keine Agentur“, sagt sie.


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Interview mit Patrick Donges, Kommunikationswissenschaftler an der Uni Leipzig

Wie wichtig sind soziale Netzwerke für den Wahlkampf?
„Als Politiker kommt man an den sozialen Medien auf keinen Fall mehr vorbei. Von den Parteien wird schlicht erwartet, dass sie im Wahlkampf alle Kanäle bespielen. Die sozialen Netzwerke sind Teil der Kommunikation in unserer Gesellschaft. Es kann sich schließlich auch keiner vorstellen, dass keine Wahlplakate mehr hängen.“

Ist eine Präsenz auf Facebook und Co. für manche Politiker wichtiger als für andere?
„Vor allem für die Parteien, die nicht im Bundestag vertreten sind, ist es wichtig, in den sozialen Medien vertreten zu sein. Denn sie sind in der normalen Medienberichterstattung, etwa aus den Parlamenten, nicht so präsent.“

Wie problematisch finden Sie Wahlwerbung in sozialen Medien?
„Werben gehört zu einem normalen Wahlkampf dazu. Problematisch würde es dann werden, wenn der Wahlkampf tatsächlich komplett aus der Öffentlichkeit heraus in die privaten Facebook-Accounts verlagert würde. Das ist aber in Deutschland nicht der Fall. Wir haben hier noch Medien, die Anhänger verschiedener politischer Lager erreichen. Das ist zum Beispiel in den USA anders, wo die Anhänger von Trump Fox-News schauen, die Wähler von Clinton CNN.“

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Links:
Monika Lazar (Grüne)
Twitter: @monikalazar
Facebook: facebook.com/monikalazar.2017

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[Quelle: http://www.lvz.de/Specials/Themenspecials/Bundestagswahl-in-Leipzig/Wahl-in-Leipzig-und-Umgebung/Wie-die-Leipziger-Direktkandidaten-im-Internet-Wahlkampf-machen]