Frühverteilung, Bekanntmachung, Verhör

Pressebericht, Sächsische Zeitung, sz-online.de, 02.09.2017

Der Wahlkampf bietet in Ostsachsen noch gut 300 Veranstaltungen. Mancher Kandidat zeigt dabei eine erstaunliche Kreativität.

Bunt durcheinander (sind mancherorts die Plakate an Wänden und Laternenpfählen): Die Werbung der Parteien zur Bundestagswahl ist überall präsent. Persönlichen Wahlkampf betreiben viele aber nur noch in den Städten.

Dieser Typ ist so früh munter wie kein anderer. Zumindest gilt das für den erlauchten Kreis jener 42 Politiker der großen Parteien, die sich in Ostsachsen derzeit um ein Bundestagsmandat bemühen. Die Rede ist von Richard Kaniewski, ein junger Kerl, erst 30. Morgens um sieben will der Dresdner SPD-Chef seine Ansichten unters Wahlvolk bringen, auf den verkehrsreichsten Plätzen der Landehauptstadt. „Frühverteilung“ nennt Kaniewski die Aktion.

Auch Tilo Kießling arbeitet intensiv an seiner Popularität. Der 46 Jahre alte Dresdner Stadtrat der Linken tourt wie ein Berserker durch die Lande. „Bekanntmachung“ nennt er das. Bereits 47-mal seit Anfang August hat er sich an Spielplätze gestellt, vor Supermärkte und Bushaltestellen. 22-mal will er das noch wiederholen.

Insgesamt buhlen die großen Parteien noch auf gut 300 Veranstaltungen in Ostsachsen um die Wählergunst. Das klassische Klinkenputzen gehört dazu. Natürlich der Infostand. Mancher Kandidat besucht Kleingärten. Die Grünen formieren sich auf jedem Wochenmarkt in Dresdenweiter zur Lokalausgabe Dresden. Die Linke bietet Sprechstunden unter freiem Himmel an, reist mit einem Truck durch die Lande und lädt zur Kochtour ein. Bei der SPD hingegen gibt es nur eine „Küchentisch-Tour“.

Die FDP zelebriert einen perfekt organisierten Tourenplan mit Stationen in den 28 größten Städten Sachsens. Die AfD macht Autokorsos durch den Landkreis Görlitz. Die CDU? Die hält sich auffallend zurück. Ausnahme ist Generalsekretär Michael Kretschmer. „Verhört und gegrillt“ nennt er seine Vorstellungsrunde.

Auf dem Land zeigt vor allem die AfD Flagge. Orte wie Groitzsch, Hartha, Hertigswalde, Ebersbach, Mohorn oder Waldheim sind sonst nirgends im Terminkalender zu finden. Die Gasthöfe, in denen ihre Kandidaten auftreten, heißen „Mike’s Pub“, „Heidekrug“ oder „Weiße Taube“.

Prominente Politiker sind ebenfalls im Angebot. Wolfgang Bosbach in Weinböhla, Edmund Stoiber in Tauchritz, Frauke Petry in Klipphausen. Thomas de Maizière wandert in den Weinbergen bei Meißen. Die Grünen freuen sich auf die „Cem-Session“ mit Cem Özdemir. Sigmar Gabriel kommt dorthin, wo AfD-Mann Björn Höcke im Januar seine Dresdner Rede hielt, ins Ballhaus Watzke. Christian Lindner spricht in der Dresdner Messe, Gregor Gysi positioniert sich im Glanz des Goldenen Reiters.

Die sächsischen Spitzenkandidaten vereint, das wird’s bis zur Wahl nur einmal geben. Die katholische Kirche hat es geschafft, Mitte September de Maizière, Torsten Herbst (FDP), Monika Lazar (Grüne), André Hahn (Linke) und Daniela Kolbe (SPD) zu versammeln. Nur die AfD, die fehlt.

Autor: Ulrich Wolf

[Quelle: www.sz-online.de]