Die Basisarbeiterin

Pressebericht, kreuzer, April 2017

Trotz zwölf Jahren im Bundestag arbeitet Monika Lazar oft in Sachsen. Dafür gibt es viele Gründe.

Es ist kalt und dunkel an diesem 9. Januar im Leipziger Waldstraßenviertel. Monika Lazar hält in einer Seitenstraße trotzdem in vorderster Reihe aus, dort, wo die Polizei mit Gittern die Gegendemonstranten von Legida fernhalten will. Sie wechselt ein paar Worte mit den Beamten, um die Lage zu beruhigen. Zugleich ist auch klar: Die Grüne Bundestagsabgeordnete protestiert hier gemeinsam mit Politikern von SPD und Die Linke gegen das rechte Bündnis, das an diesem Abend zum letzten Mal marschiert. Zwar ist sie nicht so häufig auf der Straße wie ihr Parteifreund Jürgen Kasek. Aber sie nutzt ihre Kontakte, etwa, um prominente Grüne wie Cem Özdemir oder Toni Hofreiter nach Leipzig zu lotsen.

Lazar ist seit 2005 Abgeordnete im bundesdeutschen Parlament, fungiert dort unter anderem als Sprecherin ihrer Fraktion für Strategien gegen Rechtsextremismus. Mit Neonazis und Neurechten kennt sie sich zwangsläufig aus, treten doch autoritäre und gewalttätige Bewegungen in Sachsen seit dem Ende der DDR öfter und offener auf als andernorts. Von den Demonstrationen des Nazis Christian Worch und den Märschen von Jungen Nationalen und freien Kräften bis zu Legida – Lazar hat sich stets in die verschiedenen Leipziger Bündnisse eingebracht, mit anderen Grünen die Zusammenarbeit mit Initiativen, Parteien, Kirchen, Gewerkschaften und teilweise auch der Stadtspitze gepflegt. "Die Vertrauensbasis dafür ist in den neunziger Jahren gewachsen", bilanziert sie heute.

Die alltägliche Bündnisarbeit übernehmen inzwischen zwar andere. Stehen aber wichtige Termine an, wirbt Lazar als Teil von Leipzig nimmt Platz für die Teilnahme am Gegenprotest. Neben Juliane Nagel und vielen anderen Bürgern geriet deshalb auch sie 2015 ins Visier der Staatsanwaltschaft. Die Justiz störte sich daran, das Lazar öffentlich sagte, man wolle Legida nicht den Leipziger Ring überlassen. "Das war völlig absurd", sagt sie heute zu dem typisch sächsischen Vorgang, der bei ihren Kollegen in Berlin nur Kopfschütteln auslöst.

Weil die Verhältnisse im Freistaat so befremdlich sind, erstattet Lazar ihrer Fraktion nun regelmäßig Bericht. Der Arbeitskreis Innen- und Rechtspolitik hat dafür die stehende Rubrik "Seltsames aus Sachsen" eingeführt. Lazar hatte in den vergangenen Jahren immer viel zu erzählen. "Es ist diese sachsenspezifische Kombination: Das Land beobachtet die Rechten, lässt sie aber gewähren. Stattdessen wird die Zivilgesellschaft diskriminiert, die sich dagegen wehrt", charakterisiert sie die bekannten Zustände, die zu immer neuen Skandalen führen.

Trotzdem verbringt die Politikerin außerhalb der Berliner Sitzungswochen nahezu ihre gesamte Arbeitszeit in Leipzig und dem Umland. "Wir sind nur zwei Grüne Abgeordnete aus Sachsen. Wir müssen viel mehr unterwegs sein als etwa jemand aus der CDU, der nur seinen eigenen Wahlkreis bedienen muss", erklärt sie.

Bisweilen hat sie dabei aber auch starke Nerven gebraucht, etwa gleich zu Beginn ihrer Abgeordnetenlaufbahn im Jahr 2005. Da kam sie als Nachrückerin ins Parlament und erlebte die letzten Monate der rot-grünen Regierung von Gerhard Schröder und Joschka Fischer. Die Agenda 2010 und der damit verbundene drastische Sozialabbau trafen Lazars Heimat deutlich härter als die der baden-württembergischen Kollegen. "Da bekamen wir bei Veranstaltungen schon damals viele Sprüche ab, wie sie heute im Internet alltäglich sind."

Sie hat ihr Mandat dennoch behalten und macht seitdem Oppositionsarbeit. Mit den Grünen ist sie in Leipzig seit jungen Jahren verbunden, als die Partei hier aus der DDR-Bürger- und Umweltbewegung hervorging. Als gebürtige Markkleebergerin kennt Lazar die von der veralteten DDR-Braunkohle-Industrie völlig vergiftete Natur noch aus eigenem Erleben. "Je nach Windrichtung roch es entweder nach Schweinestall oder Espenhain." Dieser heute eher unscheinbare Ort war zum Ende der DDR ein landesweites Symbol für rücksichtslose Umweltzerstörung. Lazar schloss sich in den achtziger Jahren erst einer Ökogruppe, später den Friedensgebeten und schließlich den Leipziger Montagsdemos im Herbst 89 an, die zum Sturz der Diktatur führten.

Heute ist Lazars Thema neben Rechtsextremismus die Sportpolitik. Im dazu gehörenden Ausschuss des Bundestags ist sie zentrale Frau der Grünen. Lazar hat mit Anfragen kritische Informationen über die Datenspeicherung von Fußballfans ans Licht gebracht und sich erfolgreich für die Verlängerung der Entschädigung von DDR-Dopingopfern eingesetzt. Außerdem kämpft sie für soziale, ökologische und rechtliche Standards bei der Vergabe von Sportgroßereignissen – auch wenn IOC oder FIFA davon kaum etwas wissen wollen.

Auch in der raren Freizeit der Abgeordneten spielt Sport eine Rolle. An manchen Sonntagen nimmt sie sich frei. Dann kann man sie gelegentlich auf der Besuchertribüne bei Spielen des Roten Sterns treffen. In dessen Frauenteam hat sie früher selbst gekickt. Am Training nimmt sie heute noch manchmal teil, zum Ausgleich für die politische Arbeit.

Autor: Clemens Haug

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